Groß war die Überraschung in der Flightsimmer-Szene, als Mitte Juli ein neues Entwicklerstudio namens Fenix Simulations aus dem sprichwörtlichen Nichts auftauchte und einen Study-Level Airliner für den Microsoft Flight Simulator vorstellte: Den Airbus A320ceo (Current Engine Option = derzeitige Triebwerks-Option) – treffender wäre die Bezeichnung “Classic-Variante”, weil ab heuer nur mehr A320neo (New Engine Option) aus den Airbus-Werken rollen. Mit Screenshots und Videos wurde – wie berichtet – ein erster beeindruckender Einblick in die weit fortgeschrittene Entwicklung gewährt. Viele haben sich da die Frage gestellt: Wie haben die das geschafft, nachdem sich etablierte Flugzeug-Entwickler – von Aerosoft bis PMDG – mit dem MSFS ziemlich abgemüht hatten?

Wie und warum das gelungen ist, darüber weiß man jetzt mehr: Fenix Simulations musste nach Vermutungen, die auf der Seite soarbywire angestellt worden waren und die schnell die Runde machten, eingestehen, dass die Systemlogik gar nicht von Fenix Simulations selber programmiert wurde, sondern dass auf bereits bestehende Programmteile von ProSim-AR Software zurückgegriffen wurde. Hinter ProSim-AR verbirgt sich ein namhaftes Unternehmen aus den Niederlanden, das seit Jahren Softwareprogramme sowohl für den Einsatz in Homecockpits als auch in professionellen Flugsimulatoren sowie Schulungssoftware für angehende Airbus- und Boeing-Piloten entwickelt und vertreibt. Zu den kommerziellen Kunden zählen u. a. Fluggesellschaften wie Air China, Japan Airlines, TuiFly und Flugschulen wie die European Aviation Academy. Bei den Homecockpitbauern ist die Software beliebt, weil sie praktisch mit jedem der großen Simulationsprogramme einsetzbar ist, egal ob FSX, Prepar3D, X-Plane oder dem MSFS.

Fenix Simulations hat nach eigenen Angaben von ProSim-AR eine Lizenz erworben, um Teile der Software im eigenen A320 einbauen, modifizieren und nutzen zu dürfen.

Das gesamte Berechnungsmodell des Fenix-Airliners läuft über ein kleines externes Programm der ProSim-A320-Plattform. Diese Daten werden über die Simconnect Schnittstelle auf die Displays übertragen. An sich eine geniale Lösung, denn dadurch werden gewisse Prozesse, die der Simulator selber nicht ermöglicht oder nur durch sehr aufwendige Programmierung erreicht werden könnten, umgangen. Durch deren Auslagerung in einem kleinen externen Programm dürfte die Performance des Microsoft Flight Simulators so gut wie überhaupt nicht beeinflusst werden. So erklären sich die sehr guten FPS-Werte (Frames per Second = Bilder pro Sekunde), die – wie berichtet – beim Fenix Airbus unter jenen des A320 von Microsoft liegen. Das ist nicht überraschend. Wenn man sich die “ProSimA322-System.exe” ansieht, die bei den Homecockpits als Plattform eingesetzt wird, dann ist dieses Programm, was die PC-Resourcen betrifft, sehr sparsam. Es ist nicht einmal 20 Mb (!) groß. Auf dem Test PC (Intel Core i9-9900K CPU @ 3.60GHz, 64 GB Arbeitsspeicher) wird die CPU von der “ProSimA322-System.exe” gerade einmal mit 1,7 Prozent und der Speicher mit 0,6 Prozent belastet. Siehe rote Umrandung auf dem Screenshot.

Weiterer Vorteil: Es wird auf Software zurückgegriffen, die ein Study-Level Flugzeug garantiert.

Einige Nachteile hat die Sache allerdings: Auf der XBox Series X/S wird der Airbus von Fenix Simulations so mit Sicherheit nicht landen können. Die Konsole ist ein geschlossenes System, eine Art “Sandbox”, die kein Ausführen externer Programme erlaubt. Eine Simconnect-Anbindung ist ebenfalls nicht möglich!

Bei der Entwicklung des Microsoft Flight Simulators wurde auf dessen Einsatz in der Xbox Rücksicht genommen, was somit bedeutet: Kein Ausführen externer Programme im Simulator selber! Und genau das ist auch die Ursache dafür, warum sich Entwickler von Airlinern so schwer tun, denn viele, vor allem komplexe Funktionen müssen normalerweise – wie erwähnt – über eigene Rechenoperationen ausgeführt werden, die im MSFS selber aber nicht zur Verfügung stehen bzw. äußerst umständlich möglich sind. Wer seine Flugzeuge also sowohl über die PC- als auch der Xbox-Plattform verkaufen will, muss deshalb den steinigen Weg gehen. In der PC Version des Microsoft Flight Simulators besteht eine Anbindungsmöglichkeit über simconnect. Und genau diese “Hintertür” nutzt Fenix Simulations nun.

Frage: Was, wenn Microsoft diese Schnittstelle kappt oder für gewisse Prozesse schließt?

Mit großer Wahrscheinlichkeit wird Microsoft das nicht tun, weil sie sich sonst mit großen Teilen der Community verscherzen würden, die den MSFS über den PC nutzen und die den Erfolg des Simulators entscheidend mitbestimmen. Etliche externe Programme, Hardware oder auch die beliebten Online-Netzwerke für virtuelle Piloten und Fluglotsen VATSIM und IVAO wären plötzlich ausgeschlossen. Wird deshalb wohl kaum passieren. Nur in Stein gemeißelt ist nichts! Ein Grundrisiko bleibt…

Wie auch immer. Wer sich einen Überblick verschaffen möchte, was die professionelle ProSim Software leistet, von der Teile im Fenix Flugzeug enthalten sind, der kann sich schon heute einen Eindruck davon verschaffen. Eine gewisse Lust zu “Bastelarbeit” vorausgesetzt. Erwähnt sei in dem Zusammenhang, dass sich die ProSim-AR Software in erster Linie an Homecockpit-Bauer und Betreiber von professionellen Simulatoren richtet, der Aufwand beim Einrichten der Software also entsprechend hoch ist.

Die “ProSimA320 Suite” kann von hier heruntergeladen werden. Auf der Seite ist auch das entsprechende Handbuch (ProSimA320 User Manual) verfügbar, dessen “Studium” empfohlen wird.

Wenn alle Dateien entpackt sind, sollte zunächst die ProSim322System.exe gestartet werden – aber das steht alles im Manual…

Die kostenlose Testversion ist auf die Nutzungdauer von jeweils 30 Minuten beschränkt. Im Activation Fenster “Use 30 minutes evaluation version” wählen…

Wichtig: Es muss ein eigenes Flugzeug (Prosim-AR A320) im MSFS installiert sein! Die entsprechende Installationsdatei über das Prosim322System-Programm herunterladen, und zwar über den Menüpunkt Help > Updates > Addons > Prosim MSFS Modul – download evaluation version.

Im MSFS dann genau dieses Flugzeug auswählen.

So schaut es aus, wenn die ProSim322System.exe mit dem MSFS verbunden ist…

Auch die Programme Prosim322-Display.exe und ProSimA322-MCDU.exe müssen gestartet werden – Im Prosim Displayfenster können mit einem Rechtsklick die einzelnen Bildschirme z.B. für das Primary- und Navigation Display, sowie FCU, Overhead etc. über den Menüpunkt “Displays” eingeblendet und bei aktiviertem “Display Setupmode” beliebig verschoben werden….

Der Preis der “ProSimA320 Suite” für den Einsatz im nichtkommerziellen Bereich beträgt zurzeit 1.500,– Euro. Der Fenix Airbus wird wohl weit darunter angeboten werden. Aber der Preis wird sich sehr wohl danach richten, wie hoch die Lizenzgebühren sind, die Fenix Simulations an ProSim-AR zahlen wird müssen. Die Schmerzgrenze wird bei vielen Usern wohl zwischen 60,– und maximal 120,– Euro liegen, sonst dürfte der Fenix Airliner sehr rasch zum absoluten Nischenprodukt mit entsprechend niedrigen Verkaufszahlen werden. Sollte das Flugzeug ein Erfolg werden, ist nicht ausgeschlossen, dass eventuell auch eine Boeing 737 folgt. Die ProSim-Plattform wäre ebenfalls bereits fix und fertig programmiert.

Für PMDG, die derzeit an einer B737 basteln, könnte damit ein ernsthafter Konkurrent entstehen…

Herauskommen soll der Fenix Airbus jedenfalls noch heuer. Vielleicht schon im Spätherbst oder möglicherweise früher? Fenix Simulations hält sich diesbezüglich bedeckt. Was bekannt ist: Demnächst soll die Betatest-Phase beginnen, gewissermaßen der letzte Schritt vor der Veröffentlichung…